Mirella Rovatti:
das Werbegesicht des historischen 500

Interview mit dem 60er Jahre-Model

Vor sich einen 500 aus dem Jahr 1957, etwas weiter entfernt das Studio von Dante Giacosa. Wir befinden uns im Museum Centro Storico Fiat, dem Ort, an dem der Museumsschatz und das Archiv der Automarke des Turiner Automobilherstellers gehütet werden. Vor einigen Wochen erschien hier eine elegante Dame auf der Suche nach Werbeplakaten mit ihrem Gesicht. So haben wir Mirella Rovatti, das Model der ersten Werbekampagnen für den 500, kennengelernt. Folglich haben wir sie gebeten, uns ihre Geschichte zu erzählen, denn sie ist die Geschichte eines Landes, das sich damals im Wandel befand.


„Ich wurde in Kalabrien geboren. Meine Mutter stammte aus Apulien, mein Vater aus der Region Emilia-Romagna. Wie so viele Italiener jener Zeit kam meine Familie 1953 nach Turin, um dort ihr Glück zu suchen. Damals war das eine schwierige Stadt für Leute wie wir aus dem Süden. Mit 15 Jahren suchte ich mir einen Job, um zu Hause meinen Beitrag zu leisten, und landete in einer Schreibwarenhandlung, die eine Verkäuferin suchte. Kaum sah mich die Chefin, war sie entzückt - Ja, ich war damals wirklich hübsch. Aber als ich ihr die Unterlagen zur Unterzeichnung des Vertrags vorlag, war sie fassungslos. Sie hatte noch nie Süditaliener eingestellt. Schließlich nahm sie mich auf Probe, aber zu jener Zeit war das ein Wagnis.

Trotz dieser verbreiteten Skepsis Süditalienern gegenüber gab es in Turin etwas, das die Sozialdynamik veränderte: Fiat. Man muss dem Unternehmen anerkennen, dass es als erstes das Arbeitspotential der Leute vorausahnte, die für die eigene Familie alles gegeben hätten, auch eine Reise durch ganz Italien - von einem Ende zum anderen. Ein Arbeiter, gerade verheiratet und mit schwangerer Frau, den wir für eine kurze Zeit beherbergten, hatte weder Unterkunft noch Geld und wusste nicht, wie er sein Kind großziehen sollte. Es dauerte einen Monat und er fand eine Stelle bei Fiat, die er ein Leben lang behielt.

Fiat stellte viele ein und gab unzähligen jungen Familien eine Chance. Das Unternehmen war ein bisschen wie die Mutter für alle.


Mit 20 bat man mich öfter, als Hostess für den Salone del Valentino zu arbeiten. Dort muss ich ihnen aufgefallen sein. Für Fiat zu arbeiten war eine große Chance: ich fing mit den Haushaltsgeräten an, dann kamen die Autos.

Das ist Porto Venere, und das bin ich und lache. Es ist ein spontanes Lächeln. Dagegen scheine ich hier einen riesigen Po zu haben. Darf man das sagen? Und dabei war ich schlank. Nun, ich war zwanzig Jahre alt. Noch nicht einmal. Achtzehn.

Die Fotosets waren nicht kompliziert. Man ging an die Seen von Avigliana, den Lago Sirio oder fuhr nach Sestriere, jedenfalls an Orte ganz in der Nähe, und machte das Shooting. Ich hätte nie damit gerechnet, dass diese Bilder zu Ikonen werden würden.

Eins meiner Lieblingsbilder ist ein Foto von mir, auf dem ich aus einem Fiat 1200 steige – oder war es ein Fiat 1100? - Es kam auf die Titelseite der Wochenzeitschrift „Epoca“ und lag eine Zeit lang an allen Zeitungsständen aus. 

Wir waren 10 oder 15, die sie häufiger für Fotoshootings anheuerten, aber die Leute erkannten uns nicht auf der Straße. Ich war dabei, dieses Mädchen hier ist die Gattin von Peppino Di Capri, dies ist die Gattin des Architekten Maina und dieses wunderschöne Mädchen ist Brunella Tocci, Miss Italia 1955. Sie suchten mehr oder weniger unbekannte Personen, um ein volkstümliches, allgemein verbreitetes Image zu vermitteln. Auch die Kleidung war casual. Es war unsere eigene. Die Fotos sollten die italienische Familie, den Alltag, die Kinder, den Fußball darstellen. Denn der 500 war ein Familienauto.

Mitte der 60er Jahre änderten sie den Stil und die Fotos zeigten nur noch Autos. 

Ich hätte nie damit gerechnet, dass dieses so kleine Auto einen solchen Erfolg erzielen würde. Es war auch mein erstes Auto. Ein gebrauchter 500 in Grau, den ich einem Onkel überließ, als ich ihn selbst nicht mehr fuhr. Nach 5 Jahren überschlug sich der Preis: sie boten uns eine Million (Lire), wobei er nur 500.000 Lire gekostet hatte. Es waren die 60er Jahre des Wirtschaftsbooms. 

Wissen Sie, ich glaube, der 500 hatte in unserem Land zuerst eine soziale Bedeutung und erst später eine wirtschaftliche. Man braucht dabei nur an die Frauen zu denken: zu Hause gab es nur ein Auto, und das benutzte der Mann. Der 500 war klein, bequem und kostete wenig. Er erlaubte einigen von uns, sich wirklich zu emanzipieren, denn wir konnten weiter entferne Jobs annehmen und wurden beweglicher, was vorher undenkbar gewesen wäre. 

Der 500 hat uns Frauen in die Lage versetzt, jeden Tag Auto zu fahren, eine kleine, große Revolution. Klein, aber groß, genau wie er selbst.”

Am 4. Juli 2017 feiert der Fiat 500 seinen 60. Geburtstag, lesen Sie seine bewegende Geschichte.

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